Im Verlauf der inneren Weiterentwicklung ist es sehr hilfreich, sich näher mit den Strukturen der eigenen Persönlichkeit auseinanderzusetzen. Jeder Mensch besitzt eine bestimmte Prägung und hat spezielle Muster im Verlauf seiner individuellen Entwicklung herausgebildet. Die Frage ist, wann genau sind diese Strukturen entstanden und wer waren wir davor?
Die Frage der Entstehung wurde von der Entwicklungspsychologie bislang eingehend erforscht (u. a. von J. Piaget, E. Erikson, J. Bowlby oder M. S. Mahler). Sie kam zu folgenden Ergebnissen:
Ich-Entwicklung
Nach seiner Geburt ist das Baby vollständig auf die Unterstützung seiner Umgebung angewiesen um zu überleben. Es kann seine Bedürfnisse nur über impulsives Schreien artikulieren, auf das die Mutter oder die Bezugsperson reagiert. Im Lauf der Zeit lernt das Kind, dass es bei einer positiv verlaufenden Entwicklung eine gewisse Zuverlässigkeit in der Reaktion der Mutter gibt. Dieses Sich-Verlassen-Können auf die Mama bildet die Grundlage seiner ersten Beziehung zu „etwas“ außerhalb von ihm selbst, es bildet sich eine „Objektbeziehung“.
Etwa ab dem Ende des zweiten Lebensjahres ist das Gehirn des Kindes so weit entwickelt, dass es sich selbst in der Beziehung zur Mutter erkennt. Es spürt erstmals bewusst sein eigenes Dasein, insbesondere durch das Wort „Nein“ (Separation, d. h. „Abnabeln“ von der symbiotischen Verbindung zur Mutter). Das Nein-Sagen setzt die Fähigkeit voraus, eine Entscheidung zu treffen und diese kann nur dann getroffen werden, wenn ich mich selbst als eigenständiges Wesen erfahren habe (Individuation).
Kennzeichnend für die Ausbildung einer positiven Objektbeziehung ist daher, dass das Kind Kontinuität in seiner Beziehung zu sich selbst („sein Selbst-Sein“) und zur Mutter (auch als verinnerlichtes Erfahrungsbild) erfährt. Als Schlussfolgerung könnte man daraus ableiten, dass die Wahrnehmung als eigenständige Persönlichkeit bei einem Kind vor dem zweiten Lebensjahr kaum entwickelt ist.
Ca. ab dem dritten Lebensjahr setzen in der Entwicklung zwei bemerkenswerte Prozesse ein: Das Kind entdeckt seine eigene Entscheidungsfähigkeit („Trotzphase“) und es erfährt, wie das Umfeld darauf reagiert. Es erfährt, dass es Zustimmung aber auch Ablehnung zu seinen Entscheidungen bewirkt, und da es sich noch im Zustand der Abhängigkeit befindet, versucht es, möglichst viel Zustimmung zu erlangen um eine liebevoll-nährende Beziehung zur Mutter aufrecht zu erhalten. Hier beginnt schrittweise ein Anpassungsprozess an die Rahmenbedingungen des Umfeldes, es entstehen erste Reaktionsmuster, das Kind lernt, was es tun „darf“ und was nicht. Je nachdem, wie die Zuverlässigkeit in der Beziehung erfahren wird, resultieren daraus Lernerfahrungen, die dem Kind vermitteln, ob und in welchem Maß es Anerkennung findet oder nicht.
Dieser Erfahrungsprozess setzt sich kontinuierlich in der weiteren Entwicklung des Menschen fort – in der Beziehung zum Vater, zu Lehrern und Ausbildern, zu Vorgesetzten, aber auch zu Gruppen und Institutionen. Die in dieser Kontinuität erfahrenen Muster und Strukturen werden immer differenzierter und fester und führen schließlich dazu, dass sich ein heranwachsender und später auch der erwachsene Mensch damit identifiziert. Die Aussage „Ich bin eben so“, zum Beispiel in einer Partnerbeziehung, deutet auf eine solche Identifikation hin. Eine immer weiter führende Folge solcher Identifikationen kann schließlich als Identität („Ich“) erfahren werden.
Seins-Entwicklung und Transformation
Unabhängig davon, wie wir uns im Alltag selbst erfahren, was wir als uns zugehörig empfinden und wie wir unser bestehendes Selbstbild geformt haben, lässt sich aus dem bisher Beschriebenen der Schluss ziehen, dass unser „Ich“ als innere Instanz unserer Identität letztlich das Ergebnis einer langen Kette von Erfahrungen und Reaktionen ist, sich also in seinem Selbstverständnis immer auf etwas Vergangenes bezieht. Die Frage ist, wie sich das Ich erfahren würde, ohne dass dieses Vergangene mit berücksichtigt wird.
„Wer bin ich jetzt, in diesem Moment?“ – Diese Frage schlägt den Bogen zu einem Sein, dass vor aller bewussten Erfahrung war, sie führt zu unserem ursprünglichen Zustand zu Beginn des Lebens, der zwar nicht mehr erinnerbar, wohl aber als Information in unserem System verankert ist.
Das wirft die nächste Frage auf, ob es denn überhaupt eine Möglichkeit gibt, diese Ebene vor aller bewussten Erfahrung bewusst zu machen. Ich nenne diese Ebene das „Gewahr-Sein“ der eigenen Existenz, die unabhängig von der entwickelten Persönlichkeitsstruktur besteht. Wie ich in einem weiteren Beitrag dargelegt habe, kann sich das Gewahr-Sein in eher seltenen Erfahrungen unwillkürlich zeigen. Es besteht aber auch die Möglichkeit, in einem kontinuierlichen Prozess innerer Arbeit die eigene Persönlichkeitsstruktur, d. h., die innere psychische Dynamik und die in der Biographie entwickelten Überlebensstrategien, zu erforschen und durch zunehmende Bewusstheit zu relativieren.
Im Verlauf eines solchen Prozesses verlieren dann nicht nur die verinnerlichten Erfahrungsbilder der Eltern oder nahen Bezugspersonen („Über-Ich“) an Bedeutung, sondern auch das Ich – die bisherige innere Instanz der eigenen Identität – kann aus der Perspektive zunehmender Bewusstheit und Differenzierung neu erfahren und gestaltet („transformiert“) werden.
Ein solcher Entwicklungs- oder Transformationsprozess wäre unvollständig, würde er nicht auch die unbewussten oder abgespaltenen Anteile unserer Persönlichkeit mit einbeziehen. Dieser Schritt beinhaltet das Erkennen, Verarbeiten und Integrieren eigener traumatisierter Anteile. Dies kann am Wirkungsvollsten aus einer Verfassung stabiler innerer Ressourcen und eigenen Wohlwollens heraus geschehen. Die Arbeit mit dem Trauma habe ich an anderer Stelle beschrieben.
Die hier beschrieben Veränderungsprozesse können sich im allgemeinen nicht innerhalb von wenigen Wochen oder Monaten vollziehen. Im Unterschied zu therapeutischen Maßnahmen, die symptombezogen und begrenzt arbeiten, ist die Entscheidung für einen inneren Transformationsprozess in der hier beschrieben Dimension eine Entscheidung für das weitere Leben. Es geht letztlich um die Frage, wie ich leben möchte: Möchte ich ein symptomfreies, zufriedenes Leben führen, oder möchte ich darüber hinaus die Ebene meiner inneren authentischen Wahrheit und meines Seins erfahren?
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