Das Enneagramm

Der Ursprung des Enneagramms liegt in verschiedenen kulturellen und spirituellen Traditionen des Mittleren Ostens. Seine Erkenntnisse haben sich zwar über verschiedene Epochen aus tiefreichenden empirischen Beobachtungen und Erfahrungen entwickelt, dennoch ist es in der heutigen Psychologie nicht als wissenschaftliches Verfahren anerkannt.

Das Enneagramm beschreibt neun Persönlichkeitstypen, die symbolisch in einer geometrischen Figur dargestellt werden. Das Wort „ennea“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet neun, das Wort „grammein“ bedeutet Figur oder Abbildung.

Ich biete im Rahmen von Coaching oder Therapie die Ermittlung des Enneagrammtypen an, da sich dies als sehr hilfreich für das Verständnis der eigenen innerpsychischen Dynamik erwiesen hat.

In der Entwicklung des Enneagramms sind zwei Phasen erkennbar:

Der armenische Mystiker G. I. Gurdjieff stellte der westlichen Welt als Erster das Enneagramm zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts als Teil seiner spirituellen Lehre vor. Er verwendete es jedoch nicht zur Beschreibung bestimmter Persönlichkeitstypen, sondern in universellem Sinn zur Darstellung kosmischer Prozesse.

In einem zweiten Schritt verknüpften der bolivianische Philosoph Oscar Ichazo und der chilenische Arzt und Psychiater Claudio Naranjo das Enneagramm mit bestimmten Charaktereigenschaften und entwickelten die neun „Enneatypen“ – entsprechend den neun Berührungspunkten im Symbol des Kreises mit den darin enthaltenen geometrischen Formen.

Ichazo sammelte auf zahlreichen Reisen geistige Erkenntnisse aus bedeutenden spirituellen Traditionen, erkannte dabei, dass es bestimmte miteinander verbundene Grundmuster in der Seelenstruktur gibt und bildete diese auf dem Enneagramm ab. Es ging ihm jedoch nicht nur um eine reine Beschreibung der Persönlichkeitstypen, sondern er entwickelte weitere Ebenen („Enneagone“) aus den Eigenschaften des menschlichen Bewusstseins, wie beispielsweise Tugenden oder Leidenschaften.

Claudio Naranjo führte diese Lehre weiter aus und beschrieb sie erstmals in der Sprache der modernen Psychologie (1), ausgehend von den Charaktertypen Freuds, Fromms, Horneys, Jungs und Reichs. Ab den 1970er-Jahren lehrte er diese Inhalte auch in den USA und gründete dort Arbeitsgruppen, die er „Seekers after Truth“ (SAT) nannte. Seit dieser Zeit verbreitete sich die Lehre des Enneagramms zunehmend im Westen und wurde durch zahlreiche Autoren weiterentwickelt.

Ein Blick in das Internet zeigt eine Vielzahl von Angeboten zum Enneagramm. Darin geht es in erster Linie um Fragen der Persönlichkeitsentwicklung, der Selbstverwirklichung und der Bestimmung des Enneatyps bei anderen Menschen, z. B. als Führungskraft. Auch werden die verschiedensten Tests zur Bestimmung des eigenen Enneagrammtyps angeboten.

Im Umfeld christlicher Konfessionen wird das Enneagramm auch in der Seelsorge eingesetzt. Andere Anbieter haben sich auf den Aspekt „Enneagramm-Kompatibilität“ in Partnerbeziehungen fokussiert.

Diese Auswahl an Beispielen zeigt, dass das Enneagramm heute hauptsächlich auf der Ebene der Persönlichkeitsstruktur genutzt wird. Es soll Muster im Verhalten, im Denken oder in der Wahrnehmung aufzeigen und verändern helfen.

Die Tiefendimension des Enneagramms, wie sie von Gurdjieff, Ichazo und Naranjo entwickelt wurden, wird jedoch in den heutigen Angeboten in den meisten Fällen nicht berücksichtigt. Dennoch haben einige Schüler des ersten SAT-Programms, insbesondere A. H. Almaas, Sandra Maitri und Robert Ochs, die ursprüngliche Lehre erweitert und differenziert (2).

Worin besteht nun diese Tiefendimension?

Es geht im Kern um die Bereiche des menschlichen Seins, die der Entwicklung einer Persönlichkeitsstruktur, eines Ich, zugrunde liegen. Unser Ich entwickelt sich aus all den Lebenserfahrungen seit unserer Kindheit. Weder besitzen wir eine bewusste Erinnerung an die Situation vor diesen Erfahrungen noch sind wir, von wenigen Ausnahmen abgesehen, in der Lage, die essenzielle Ebene unseres Seins, die unabhängig von Ich oder Person existiert, bewusst zu erfahren. Naranjo sprach in diesem Zusammenhang vom Kontaktverlust mit dem Sein.

Das Enneagramm bietet die Möglichkeit, den Zugang zu dieser essenziellen Ebene neu zu entdecken. Die Fixierungen der Persönlichkeit können durch einen für jeden Enneagrammtyp spezifischen Schlüssel erkannt und verändert werden, so dass andere Kräfte im Menschen wirksam werden, die seine besondere spirituelle Dimension aufzeigen. Diese Kräfte bezeichnet Almaas als die Heiligen Ideen“, d. h., „ein bestimmtes, nicht konditioniertes und daher objektives, auf Erfahrung beruhendes Verständnis der Realität. So wird die Realität aus der Perspektive einer der Heiligen Ideen als nichtduale Einheit des Seins erfahren […]“. (3)

Sicher geht dieses Verständnis in seiner Umsetzung über eine rein therapeutische Arbeit hinaus. Sofern dazu die innere Bereitschaft besteht, eröffnet sich mit Hilfe des Enneagramms allerdings die Perspektive einer spirituellen Transformation, die die Ebene der Persönlichkeit und des Ich übersteigt.

.

(1) Naranjo, Claudio (1994). Erkenne dich selbst im Enneagramm. Die 9 Typen der Persönlichkeit. München: Kösel-Verlag.

(2) siehe hierzu:

Almaas, A. H. (2004). Facetten der Einheit. Das Enneagramm der Heiligen Ideen. Bielefeld: J. Kamphausen Verlag.

Maitri, Sandra (2021). Neun Porträts der Seele. Die spirituelle Dimension des Enneagramms. Bielefeld: Kamphausen Media.

Robert Ochs integrierte sein Verständnis des Enneagramms in seine Lehrtätigkeit als jesuitischer Theologe in Berkeley. Er legte großen Wert darauf, dass seine Schriften nur intern verwendet wurden.

(3) Almaas, S. 26.

.