Was ist ein Trauma?

Der Traumabegriff wird heute in unterschiedlichen Zusammenhängen verwendet:

Häufig werden in der Alltagssprache schmerzhafte Situationen von Überforderung oder starkem Stress als „traumatisch“ bezeichnet, von denen man sich erholen müsse. Diese Nutzung des Traumabegriffs ist jedoch irreführend, da es sich nicht um ein Trauma handelt, sondern um eine schwierige Lebenssituation, die von der Psyche jedoch verarbeitet werden kann, ohne dass daraus weitere Belastungen resultieren.

Die Erinnerung an das Ereignis fühlt sich dann zwar belastend an, führt aber nicht zu erneuten emotionalen oder körperlichen Reaktionen, wie Panik, Schwitzen oder Herzrasen.

Da jeder Mensch auf eine schwierige Situation, zum Beispiel eine Kündigung oder eine Trennung, anders reagiert, kann nicht generell gesagt werden, dass diese Situation „traumatisierend“ wirkt. So mag sich für den einen eine Kündigung existenziell bedrohlich anfühlen und schlaflose Nächte zur Folge haben. Eine andere Person könnte diese Erfahrung jedoch eher als befreiend erfahren und als neuen Aufbruch verstehen.

Welches sind nun die konkreten Kriterien, die eine Erfahrung zu einem Trauma machen?

Zum Vergleich möchte ich hier einige Autoren zitieren, die sich aus psychologischer Sicht intensiv mit dem Thema Trauma auseinandergesetzt haben:

Gottfried Fischer und Peter Riedesser definieren ein psychisches Trauma

„als ein vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt.“ (1)

Hier wird also zwischen der auslösenden Situation – dem Ereignis – und der individuellen Reaktion darauf unterschieden. Ereignisse können zum Beispiel ein Autounfall, eine Naturkatastrophe oder ein Kriegserlebnis sein. Diese Erfahrungen liegen manchmal schon Jahre zurück, die Reaktionen halten jedoch an, wie beispielsweise bei der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS).

Der Traumaforscher Peter A. Levine schreibt:

Zu einem Trauma kommt es dann, wenn wir zutiefst verängstigt sind und an körperlicher Bewegung gehindert werden oder uns in der Falle fühlen. Wir erstarren wie gelähmt und/oder brechen vor überwältigender Hilflosigkeit zusammen. […]
Dieses Zusammenbrechen, das Gefühl der Vernichtung und der Verlust des Lebenswillens bilden den Kern tiefer Traumen.“ (2)

Nach Peter A. Levine liegt das das Trauma nicht im Ereignis, sondern in der Reaktion des Nervensystems auf die bedrohliche Erfahrung. Welche Reaktionsformen dem autonomen Nervensystem (ANS) zur Verfügung stehen, habe ich an dieser Stelle beschrieben. Bemerkenswert an der Aussage von Levine ist, dass er den Aspekt körperlicher Bewegungsfähigkeit mit einbezieht. Das ANS kollabiert umso stärker, je weniger in der belastenden Reaktion die Anspannung über den Körper ausagiert werden kann (z. B. über Zittern, Schreien oder Kampfreaktionen).

Als Letztes möchte ich noch Franz Ruppert zitieren, der davon ausgeht, dass nicht verarbeitbare Erfahrungen durch eine nicht bewusst erlebte Reaktion der Psyche in einen unbewussten Anteil abgespalten werden, den traumatisierten Anteil.

„Traumatisierungen sind nach meinem Verständnis lebensgeschichtliche Erfahrungen, die im Moment des Traumas nicht durch einen vertieften Realitätsbezug, sondern nur durch die Ausblendung der Realität und die Unterbrechung psychischer Stressprogramme bewältigt werden können. Sie stellen eine so fundamentale Erschütterung des emotionalen Erlebens dar, dass sie nicht in die bereits vorhandenen Informationsverarbeitungsprogramme der Psyche integriert werden können. Sie müssen daher aus diesen ausgegliedert werden.“ (3)

Ruppert nimmt den Aspekt des „vertieften Realitätsbezuges“ mit in seine Definition auf, also die kognitive Ebene. Kennzeichnend für eine traumatisierende Erfahrung ist, dass durch die Alarmierung des Nervensystems der kognitive Bereich ausgeblendet wird. Es kann vom Betroffenen nicht erst überlegt werden, ob eine Gefahr droht, sondern es erfolgt eine reflexartige Reaktion, ohne „realistische“ Einschätzung der Situation. Der Traumaforscher Bessel van der Kolk schildert beispielsweise den Fall eines Vietnamveteranen, der während einer Therapiestunde wegen eines knallenden Auspuffs auf der Straße reflexartig unter den Tisch sprang.

Alle diese Beispiele und Definitionen betreffen traumatisierende Situationen, die schockartig und im Einzelfall auftreten. Man spricht daher auch von Schocktrauma (Typ-I-Trauma). Traumatisierende Erfahrungen können jedoch auch durch lang anhaltende Missstände entstehen, insbesondere während der Kindheit. Man spricht in diesen Fällen von einem Entwicklungstrauma (Typ-II-Trauma).

Entwicklungstraumata sind durch frühe, auch bereits vorgeburtliche Ereignisse gekennzeichnet, die „langfristige traumatische Reaktionen hervorrufen können“ (4).

Der Therapeut Lawrence Heller führt dazu folgende Beispiele an (4):

• Abwehr der Mutter gegen ihre Schwangerschaft

• Eigene Traumatisierungen der Mutter, Depressionen, Ängste, Dissoziieren

• Alkohol- oder Drogenmissbrauch während der Schwangerschaft

• Ernsthaftes Erwägen eines Schwangerschaftsabbruchs durch die Mutter

• Sich von einem oder beiden Elternteilen gehasst fühlen

• Bindungsbemühen zu einer psychisch instabilen oder psychotischen Mutter

• Wiederholte körperliche oder psychische Gewalt

• Vernachlässigung

• Adoption

Grundlage dieser Beispiele ist die Annahme, dass es sich bei einem ungeborenen Kind nicht um einen „Fötus“ handelt, sondern um ein wahrnehmendes Wesen, das zwar noch nicht über kognitive Fähigkeiten verfügt, jedoch über biochemische Prozesse erfährt, welche Haltung die Mutter ihm gegenüber einnimmt. Es kommt dadurch zu biologischen Dysregulationen, die sich auf die Entwicklung des Gehirns auswirken mit entsprechenden Langzeitfolgen für Körper und Psyche des Kindes.

Seit einigen Jahren wird auch das Thema Social Media und Gaming im Hinblick auf Entwicklungsstörungen bei Heranwachsenden diskutiert. Es wird hier zwar nicht von einem Entwicklungstrauma gesprochen – die Auswirkungen auf die neuronale Entwicklung des Gehirns eines Kindes sind jedoch vergleichbar.

Der amerikanische Psychologe Jonathan Haidt hat hierzu eine umfangreiche Untersuchung vorgelegt (5) und kommt zu dem Ergebnis, dass die frühe Entwicklung der nach 1995 Geborenen („Generation Z“) einen „Aufstieg der smartphonebasierten Kindheit“ zur Folge hat. Als Symptom stellt er neben sozialer Deprivation (Abschirmung), Schlafmangel und Fragmentierung der Aufmerksamkeit vor allem fest, mit einem höheren Risiko „im Verteidigungsmodus festzustecken, als die früher Geborenen. Sie befinden sich in einem andauernden Alarmzustand und halten ständig nach Gefahren Ausschau, nicht nach neuen Erfahrungen. Sie sind ängstlich.“ (5)

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(1) Fischer, Gottfried; Riedesser, Peter (2009). Lehrbuch der Psychotraumatologie. München: Ernst Reinhardt Verlag. 4. Aufl., S. 84.

(2) Levine, Peter A. (2011). Sprache ohne Worte: Wie unser Körper Trauma verarbeitet und uns in die innere Balance zurückführt. München: Kösel-Verlag. S. 73.

(3) Ruppert, Franz (2012). Trauma, Angst und Liebe. München: Kösel-Verlag. S. 75.

(4) Heller, Lawrence; Lapierre, Aline (2013). Entwicklungstrauma heilen. München: Kösel-Verlag. S. 180f.

(5) Haidt, Jonathan (2025). Generation Angst. Hamburg: Rowohlt-Verlag, S. 122.

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