Initiation durch Gewahr-Sein

Wenn im eigenen inneren Prozess – ob mit oder ohne therapeutische Begleitung – unvermittelt Erfahrungen auftauchen, die mit einem tiefen Gefühl von Gewahrsein oder Einssein verbunden sind, handelt es sich bisweilen um initiatische Schritte, um ein ganzheitliches Erleben, das sich mit Worten nur schwer beschreiben lässt (1).

Das Charakteristische an diesen Erfahrungen ist, dass sie unvermittelt auftreten, nicht dem eigenen Willen unterliegen (2) und den Erlebenden „bis ins Mark“ berühren und bewegen, d. h. durch alle Schichten des Gehirns und des Nervensystems spürbar sind. Diese Grenzerfahrungen (3) sind unabhängig von Weltanschauung oder Religion. Sie werden zwar in vielen mystischen Traditionen erwähnt, können aber auch unabhängig davon erlebt werden.

Das größte Hindernis in einem solchen Erleben sind eigene Ängste, die sich als Schutzreaktion des unbewusst wirkenden Autonomen Nervensystems zwischen das „Ich“ und das „Selbst“ stellen, d. h. zwischen den Erfahrenden, wie er sich bis zu diesem Zeitpunkt selbst bewusst wurde und kannte, und einem bisher weitgehend unbekannten Bereich erlebbaren Seins, in dem alle Subjekt-Objekt-Konturen verschwimmen und dennoch eine völlige Gewissheit des eigenen Daseins erfahrbar ist.

Diese Ängste können je nach Biografie und Konstitution unterschiedliche Formen annehmen, z. B. die Angst „verrückt“ oder verschlungen zu werden, Todesangst, die Angst vor einer inneren Explosion oder Implosion (Auslöschung) (4). Sie haben bei aller Verschiedenartigkeit stets existenziellen Charakter – es geht um „Sein oder Nicht-Sein“ –, und zwar aus der Perspektive eines Ich, das um die Begrenztheit seiner zeitlichen Existenz weiß und dabei gleichzeitig eine Ahnung von etwas „Größerem“ erhält, das es zum einen selbst ist, das zum anderen aber weit über das Eigene hinausgeht und wie in einer „Sinfonie der Schöpfung“ alle Lebensbereiche umfasst (5).

Die Angst wird vielleicht als großes Hindernis empfunden, sie stellt aber eine autonome, d. h. nicht dem Wollen unterliegende Schutzreaktion des eigenen Systems dar. Wird diese Barriere durch psychotrope Substanzen, Drogen oder sonstigen Beeinflussungen in forcierender Weise beiseite geschoben, kann dies zu einer massiven Desintegration der Psyche führen, einer Erfahrung die in der Sprache der griechischen Mysterien als Anschauen des „Antlitzes der Medusa“ beschrieben wird – dem Inbegriff alles Schrecklichen. Aus medizinisch-psychologischer Perspektive bedeutet die Desintegration höchste Aktivierung des Sympathikus, die durch eine Shutdown-Reaktion des Parasympathikus unterbunden wird um das Überleben zu sichern. Die Folge ist ein inneres Erstarren bis zum Extrem der Katatonie.

Ich stelle die Beschreibung dieser Ängste voran, um auf die existenzielle Brisanz dieses Prozesses aufmerksam zu machen. Wann immer möglich, sollten initiatische Schritte äußerst behutsam und in sicherer Begleitung einer in diesen Dynamiken erfahrenen Person vorgenommen werden.

Wie ich eingangs sagte, gibt es jedoch auch Lebenssituationen, in denen die Dimensionen inneren Gewahrseins unvermittelt und unerwartet auftauchen, wie „aus heiterem Himmel“. So, wie die Sonne an einem grauen Wintertag durch einen Spalt in der Wolkendecke ihren wärmenden Lichtkegel auf die Erde wirft und an ihr Dasein erinnert, so erscheinen auch manchmal in der inneren Dynamik der Psyche lichte Momente, in denen plötzlich und ohne Angst dem staunend Erlebenden alles klar erscheint. Momente, in denen spürbar und erfahrbar ist, wie „alles mit allem zusammenhängt“, vergleichbar einer Sinfonie, in der jedes Instrument und jede Stimme in ihrer Gesamtheit ein größeres Ganzes bildet, das uns im Tiefsten berührt und mit Worten nur unzureichend beschreibbar ist. Es ist dieses Gewahr-Sein, das zum Beispiel einen Ludwig van Beethoven auch 250 Jahre nach seinem Wirken noch „aktuell“ erfahrbar macht.

Das entscheidende Kriterium dieses Gewahr-Seins ist die Gewissheit der eigenen Erfahrung und die unmittelbare Präsenz einer Kraft, vor der nichts Bestand hat, was bisher als zu mir gehörend oder individuell empfunden wurde.

Diese Kraft äußert sich in zwei Aspekten, sie erscheint bipolar obwohl sie ihrem Ursprung nach eins ist:

Zum einen ist sie die Liebe selbst, das wohlwollend Versöhnende, das in Freudentränen Umarmende. Sie ist bedingungslos und hingabevoll, denn ihr Quell ist unerschöpflich.

Die andere Seite der Bipolarität manifestiert sich in der Zerstörung, in der Lust am Töten, wie sie bei Soldaten in traumatisierenden Kriegssituationen feststellbar ist. Sie wirkt als abgrundtiefer Hass und absolutem Vernichtungswillen in einem verstörten Subjekt, das bisweilen glaubt aus „höheren Motiven“ zu handeln.

In der östlichen Mythologie sind diese bipolaren Kräfte seit Jahrtausenden bekannt und werden durch verschiedene Gottheiten symbolisiert, so zum Beispiel im tibetischen Buddhismus durch die einhundert friedvollen und zornvollen Gottheiten. Auch in Dantes „Göttlicher Komödie“ werden diese Gegensätze anschaulich beschrieben.

Die Bipolarität, der Dualismus, die Gespaltenheit verweisen schon durch den Begriff darauf, dass zumindest die Idee einer Ganzheit, eines Ungespaltenen, eines einheitlichen Seins besteht. Ich nenne dieses Ganzheitliche und Ungeteilte das „Gewahr-Sein“. Es ist die ungetrübte Seinserfahrung, nicht nur der eigenen Existenz, sondern alles Bestehenden, eine Gewissheit in der Verbundenheit, eine Wahrnehmung des harmonischen Zusammenspiels widerstrebender Kräfte aus sich selbst. Die scheinbaren Widersprüche vereinen sich auf der Ebene des Seins zu einem integrierten Ganzen. „Je mehr wir das ganze Sein verstehen, um so besser können wir die simultane Existenz und Wahrnehmung von Inkonsequenzen, Gegensätzen und oberflächlichen Widersprüchen tolerieren. Sie erscheinen als Produkte fragmentarischen Erkennens und verschwinden mit der Erkenntnis des Ganzen.“(6)

Bei aller Bewegtheit erzeugt dieses Zusammenspiel letztlich Stille, eine „Fülle des Nichts“, einen Frieden, der allen Verstand übersteigt.

Wir können diese Erfahrung nicht willentlich herbeiführen, wir können uns nur bereit machen durch vorbereitende Schritte, je nach unserer Seinsverfassung. Auch wenn wir nicht wissen, wie lang der Weg ist, können wir das Ziel im Auge behalten. Daran „erinnern“ uns dann manchmal die vielleicht kurzen Momente der Berührung, die Lichtblicke unseres Seins.

Was ich hier beschreibe, geht unter anderem aus eigenen Erfahrungen und Prozessen hervor, insbesondere durch mehrere Seins- und Nahtoderfahrungen. Die Nähe des Todes gespürt zu haben, hat mich unmittelbar ins Leben geführt und zur Wertschätzung alles Lebendigen. Es handelt sich also nicht um eine Überlebensstrategie, die uns vom Leben trennt. Man könnte es eher als eine zweite Geburt bezeichnen, die mitten im Leben stattfindet.

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Anmerkungen:

(1) Karlfried Graf Dürckheim spricht in diesem Zusammenhang von „Seinsfühlung“ oder „Seinserfahrung“, vgl. Karlfried Graf Dürckheim (1973), Vom doppelten Ursprung des Menschen. Freiburg: Herder , S. 84-89.

(2) Der nach eigenem Verständnis „ausgewiesene Rationalist und Religionskritiker“ Michael Schmidt-Salomon beschreibt in seinem Buch Jenseits von Gut und Böse (München: Piper 2012, S. 239f.) sehr anschaulich eine solche unvermittelt auftretende Erfahrung.

(3) Dieser Begriff („peak experience“) wird u. a. von Abraham Maslow in seinen Werken Motivation und Persönlichkeit (Reinbek: Rowohlt 1981, 15. Edition) sowie Psychologie des Seins (München: Kindler 1973, 2. Auflage 1981, Kap.6) verwendet.

(4) vgl. Ronald D. Laing (1976), Das geteilte Selbst. Reinbek: Rowohlt, S. 37ff.

(5) „Bei dem vom Sein Getroffenen wird das ganze Konzept des Lebens über den Haufen geworfen.“ Karlfried Graf Dürckheim, a.a.O., S. 108.

(6) Abraham Maslow, Psychologie des Seins, S. 102f.

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