Integral Somatic Psychology (ISP)®

Die Integrale Somatische Psychotherapie wurde (ISP) von Dr. Raja Selvam entwickelt und stellt eine neue psychotherapeutische Methode dar, mit deren Hilfe therapeutische Schritte auch verkörpert werden können. Es wird hierbei nicht nur das Denken und Fühlen, sondern auch die physiologische Verkörperung im Nervensystem mit in den therapeutischen Prozess einbezogen. Als Folge davon können sich unsere Körperwahrnehmungen verbessern, unsere Gefühle regulieren und uns unsere Gedankenabläufe bewusster werden.

Häufig sind emotionale Probleme der Ausgangspunkt für psychische und physische Symptome. Darum wird in der ISP auch von der „Physiologie der Emotionen“ gesprochen – eine Sichtweise, die unter Psychotherapeuten noch nicht sehr verbreitet ist.

Ebenen von Emotionen

ISP unterscheidet drei Ebenen von Emotionen (im Weiteren werden die Begriffe Emotion, Gefühl und Affekt in gleicher Bedeutung verwendet):

Zunächst sind da „Basisgefühle“ oder primäre Emotionen, wie Wut, Angst, Scham, Traurigkeit oder Freude. Diese Gefühle sind in der traditionellen Psychologie bekannt und erforscht, wobei keine Einigkeit darüber besteht, was genau zu den primären Emotionen zählt. Von manchen Richtungen wird zum Beispiel Schuld als Primärgefühl, von anderen als Kombination von Scham und Angst angesehen.

Diese Zuordnungen sind letztlich weniger entscheidend als das Phänomen, dass sich aus der Kombination von primären Emotionen weitere Gefühle, die sekundären Emotionen, entwickeln können, vergleichbar mit den Mischungen im Farbkreis. So könnte man beispielsweise die „Vermischung“ von Wut und Traurigkeit als Verzweiflung bezeichnen.

Als dritte Ebene unterscheidet ISP weiterhin sensomotorische Affekte, d. h. körperliche Reaktionen auf psychische Belastungen. Diese werden auch als tertiäre Emotionen bezeichnet. Hierzu zählt zum Beispiel der Anstieg des Blutdrucks bei einem psychischen Schock oder das Zittern bei großer Angst. Der Umgang mit tertiären Emotionen und ihren somatischen Auswirkungen blieb bei den bisher angewandten Behandlungsansätzen weitgehend unberücksichtigt obwohl sie häufiger auftreten als primäre oder sekundäre Emotionen.

Verkörperung von Emotionen

Die Verkörperung von Emotionen besteht nun darin, emotionale Regungen soweit wie möglich in verschiedene Körperregionen auszudehnen und sich ihnen länger auszusetzen. Auch wenn dies im ersten Moment als eine wenig erstrebenswerte Erfahrung erscheint, lässt sich doch anhand einer Vielzahl empirischer Erfahrungen feststellen, dass die anfängliche – häufig unangenehme – Emotion, mit zunehmender Ausdehnung in die Körperregionen in ihrer Intensität abnimmt, sich sozusagen „verdünnt“, und somit erträglicher wird. Dies kann zu Verbesserungen auf der körperlichen, emotionalen und kognitiven Ebene führen und dadurch auch ein anderes Verhalten ermöglichen. ISP lässt sich dabei in unterschiedlichste therapeutische Verfahren integrieren. Die Verfahren unterscheiden sich jedoch im Hinblick darauf, wie mit Emotionen umgegangen wird. So gibt es beispielsweise verschiedene Therapiemethoden, die versuchen Emotionen zu verstehen, bei anderen wiederum geht es um den Ausdruck der Emotionen. Die Verkörperung von Emotionen in der oben beschriebenen Weise stellt einen neuen Ansatz zur Verarbeitung psychischer Konflikte dar.

Der Umgang unseres Körpers mit unangenehmen Emotionen

Die Fähigkeit, mit einer unangenehmen Emotion umzugehen, fällt uns häufig nicht leicht, vor allem bei starken emotionalen Regungen. Die Erfahrung unangenehmer und belastender Affekte lässt in unserem Körper und Gehirn Stress und Dysregulation entstehen. Da unser Nervensystem darauf ausgerichtet ist, bei Belastungen das Gleichgewicht wiederherzustellen, tragen wir alle einen unbewussten Widerstand gegen unangenehme Gefühle in uns. Hinzu kommt, dass wir durch unser Umfeld (Erziehung, Kultur) Erfahrungen sammeln, die dazu führen können, einen Widerstand dagegen aufzubauen, eine unangenehme Erfahrung auch nur im Ansatz entstehen zu lassen, geschweige denn, sich ihr anhaltend auszusetzen. Die Fähigkeit zum Umgang mit unangenehmen Emotionen ist daher von Individuum zu Individuum sehr verschieden.

Die im Laufe unseres Lebens entwickelten Abwehrmechanismen gegen unangenehme Gefühle bleibt auf Dauer jedoch nicht ohne körperliche Folgen. Das gesamte Körpersystem kann davon in Mitleidenschaft gezogen werden, nicht nur die Region, wo sich vielleicht eine unangenehme Wahrnehmung zeigt. Eine durch Stress verursachte Atemkontraktion wirkt beispielsweise auch auf die Herzfrequenz und somit auf die Sauerstoffversorgung des gesamten Systems. Bei Dauerbelastung kann sich die Kontraktion der Bronchien chronifizieren und es entsteht Asthma.

Wie dieses Beispiel zeigt, verkörpern sich Emotionen auch dann, wenn wir dies im Alltag nicht bewusst wahrnehmen. Erst durch das körperliche Symptom wird unsere Aufmerksamkeit geweckt.

Sobald dies der Fall ist, kann das Körpersymptom wiederum negative Emotionen verstärken, woraus sich im ungünstigen Fall ein verstärkender Kreislauf entwickelt.

Der therapeutische Ansatz von ISP

Grundlage der therapeutischen Arbeit in der ISP ist die „Affekttoleranz“, d. h., die Fähigkeit, eine Emotion bewusst zu erleben und zuzulassen. So unangenehm das Gefühl auch sein mag, es zuzulassen und ihm Raum zu geben, bildet die Grundlage für den Heilungsprozess. Jede Emotion, die wir erfahren, ist ursächlich mit einer Information verbunden, zum Beispiel, dass ich eine Prüfung nicht erfolgreich bestanden habe. Wenn es mir nicht gelingt, diese Emotion in meinem System zu verarbeiten, kann daraus für alle ähnlichen zukünftigen Situationen Prüfungsangst entstehen. Bin ich jedoch in der Lage, die unangenehme Emotion zuzulassen, kann auch die ihr zugrundeliegende Information von mir besser kognitiv verarbeitet werden, d. h., ich werde besser verstehen, woran ich in der Prüfung gescheitert bin. Dies wiederum ermöglicht mir, mich auf ähnliche Situationen in der Zukunft besser vorzubereiten – aus dem zugelassenen Gefühl und dem besseren Verstehen folgt also auch ein geändertes Verhalten.

ISP versucht, die wechselseitigen Einflüsse von Emotionen, Verstehen (Kognition) und Verhalten in einer Weise regulierend zu unterstützen, die das anfängliche unangenehme Gefühl erträglicher werden lässt, so dass im Weiteren auch angenehmere Emotionen spürbar werden.

Für die therapeutische Situation bedeutet dies, dass die Klient*in darin unterstützt wird, Emotionen zuzulassen und zu spüren, sich ihrer kognitiven Einstellungen zu den Emotionen bewusster zu werden sowie die Ausdehnung der Emotionen im Körper zu ermöglichen und deutlicher wahrzunehmen. Wie die Erfahrungen zeigen, fällt es uns in den meisten Fällen leichter, Emotionen zu erfahren und sich ihnen auszusetzen, wenn sie in möglichst weiten Teilen des Körpers präsent sind.

Die Erhöhung der Affekttoleranz kann dazu beitragen, die Selbstregulation zu verbessern, die eigene Resilienz zu erhöhen und Körpersymptome abzuschwächen oder ganz aufzulösen und zukünftig nicht mehr entstehen zu lassen.