Polyvagal-Theorie von Steven Porges

Steven Porges beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Frage, wie unser Nervensystem auf Situationen der Sicherheit oder Unsicherheit reagiert. Wie verhalten wir uns, wenn wir uns in unserer Umgebung gut aufgehoben fühlen und nichts zu befürchten haben? Und welche Veränderungen treten ein, wenn wir uns bedroht fühlen oder in Lebensgefahr befinden?

Das bisherige Verständnis der Psychologie und Psychiatrie zu der Frage, wie wir auf Bedrohungen reagieren, erschöpfte sich weitgehend in der Erklärung, dass eine Kampf- oder Fluchtsituation eintritt. Entweder wird das uns Bedrohende (z. B. ein Mensch oder ein Tier) durch Kampf besiegt oder – wenn es uns übermächtig erscheint – wir entziehen uns der Bedrohung durch Flucht.

In seiner Polyvagal-Theorie präsentiert Steven Porges eine Erweiterung des bisherigen Verständnisses unserer das Verhalten steuernden neuronalen Zustände. Er geht dabei von einer hierarchischen Beziehung zwischen drei Subsystemen des Autonomen Nervensystems (ANS) aus, die unsere Reaktion auf Situationen der Sicherheit, der Bedrohung und der Lebensgefahr bestimmen (Porges 2017). Kennzeichnend für die Art der Reaktion ist, dass sie unwillkürlich (autonom) aus unserem physiologischen Zustand heraus erfolgt. Eine Kampf- oder Fluchtreaktion erfolgt zum Beispiel reflexartig, ohne dass wir uns vorher überlegen, wie wir reagieren wollen, was in einer Gefahrensituation zu lange dauern würde.

Folgende drei Reaktionsformen werden unterschieden:

1. Das System für soziales Engagement (Social Engagement System):

Voraussetzung für soziales Verhalten ist eine Situation, in der wir uns sicher fühlen. Wenn dies der Fall ist, können wir mit anderen Menschen vorbehaltlos kommunizieren. Als physiologische Reaktion werden dabei auch unsere höheren Gehirnstrukturen aktiviert, die es uns ermöglichen, kreativ und produktiv zu sein. Wir vertrauen den anderen, sind „offen“ und dadurch auch verletzlich. Die Einschätzung, wann wir eine Situation als sicher empfinden oder nicht, ist individuell verschieden und hängt von unseren bisherigen Erfahrungen und dem daraus resultierenden Resilienzbereich ab.

Das System für soziales Engagement umfasst die neuronalen Pfade, die die gestreiften Muskeln unseres Gesichtes (Mimik) und des Kopfes steuern. Ein sicherer Kontakt zu einem anderen Menschen „ist ein Ausdruck der dynamischen bidirektionalen Kommunikation zwischen körperlichem Zustand und emotionalem Prozess“ (Porges 2017, S. 26), d. h., der Austausch findet nicht nur auf der Verstandesebene statt, sondern gibt uns unwillkürlich ein „gutes Gefühl“ und eine angenehme („wohlige“) Körperempfindung. Dazu trägt auch die Stimme des Gegenübers bei, die durch ihre Sprechmelodie, Tonhöhe, Lautstärke oder Sprechgeschwindigkeit auf unsere Neurozeption einwirkt.

Um eine sichere Bindung aufbauen zu können, ist im sozialen Miteinander die wechselseitige Interaktion erforderlich. „Entscheidend ist dabei die Fähigkeit zu reziproker Interaktion, zu gemeinsamer Regulation des physiologischen Zustandes, und die Fähigkeit, Beziehungen aufzubauen, in denen die Beteiligten sich sicher fühlen können. (…)

Die meisten Menschen haben bisher angenommen, bei diesen Dingen gehe es um Probleme auf der Verhaltensebene, nicht um physiologische Phänomene. Die Ployvagal-Theorie erklärt nun, dass es tatsächlich um physiologische Phänomene geht und dass die für soziale Unterstützung und soziales Verhalten zuständigen neuronalen Pfade denjenigen entsprechen, die Gesundheit, Wachstum und Genesung fördern.“ (Porges 2017, S. 67f.)

„Menschen, die in einer Beziehung stark verletzt wurden, fällt es schwer, eine neue Beziehung aufzubauen, auch wenn sie dem auf kognitiver Ebene eine hohe Priorität zuschreiben. Sie sehnen sich nach einer Beziehung, aber ihr Körper lässt eine neue Beziehung nicht zu.“ (Porges 2017, S. 126)

2. Die Kampf- / Fluchtreaktion:

Ohne dass wir es bewusst wahrnehmen, „scannt“ unser Nervensystem permanent die Sicherheit in unserer unmittelbaren Umgebung und legt aufgrund dieser Einschätzung unser weiteres Verhalten fest. Kommt es dabei zu dem Ergebnis, dass Gefahr droht, erfolgt eine Anpassung unseres Verhaltens in Form einer adaptiven Defensivreaktion ohne vorherige kognitive Festlegung. Wir wechseln aus dem System für soziales Engagement in einen Zustand erhöhter Wachsamkeit. Der Körper wird dadurch in die Lage versetzt, unmittelbar mit Kampf oder Flucht zu reagieren. Dies kann verbal oder physisch geschehen, wobei die Körperreaktionen und -empfindungen ähnlich sind. Werden wir zum Beispiel in einem Gespräch verbal attackiert, reagiert unser Körper so, als wenn wir physisch angegriffen würden. Wir setzen uns dann zunächst verbal zur Wehr. Eskaliert der Konflikt weiter, können auch körperliche Auseinandersetzungen die Folge sein.

Bei dieser Reaktionsform übernimmt das Sympathische Nervensystem (SNS) die Kontrolle unseres Systems und bereitet es auf die motorische Aktivität von Kampf oder Flucht vor. Dabei findet in unserem Gehör eine Verlagerung des sensorischen Schwerpunktes auf tiefe Frequenzen statt, die entwicklungsbedingt mit Bedrohung gleichgesetzt werden (z. B. durch Raubtiere). Gleichzeitig nimmt die Fähigkeit ab, die Stimme unseres Gesprächspartners von Umgebungsgeräuschen zu differenzieren.

3. Die Immobilitätsreaktion:

Diese Reaktion wird auch als Shutdown oder Erstarren bezeichnet. Sie erfolgt immer dann, wenn unser Nervensystem (nicht unser bewusstes Denken!) zu der Einschätzung kommt, dass eine Situation lebensbedrohlich wird und wir keine Chance besitzen, uns durch Kampf- oder Fluchtsituation in Sicherheit zu bringen. Es kommt dann zu der entwicklungsgeschichtlich ältesten Defensivreaktion, der Erstarrung. Diese findet sich bereits bei Reptilien, die oft stundenlang unbeweglich verharren können.

Im Zustand der Erstarrung sind unsere Bewegungsunfähigkeit und unser Schmerzempfinden reduziert. Dabei kann es auch zur Dissoziation kommen.

Mit dieser Art der Reaktion lassen sich viele Traumafolgestörungen erklären, die für den Betroffenen beispielsweise zu einer sozialen Isolierung und inneren Reglosigkeit führen. „Im physiologischen Zustand des Shutdown sind wir gegen soziale Interaktion immun: Wir sind grundsätzlich nicht bereit, uns daran zu beteiligen.“ (Porges 2017, S. 53)

Wichtig bei diesen Reaktionsformen ist, dass es keine „schlechten“ oder „bösen“, sondern nur adaptive, d. h. an die Situation angepasste Reaktionen gibt. „Unser Nervensystem versucht stets, das Richtige zu tun; und wir müssen dem, was es getan hat, mit Respekt begegnen.“ (Porges 2017, S. 56) Nur durch die von unserem Nervensystem unwillkürlich ausgelösten Defensivreaktionen haben wir in extremen Situationen überlebt.

Der Vagusnerv

Der Vagus ist der wichtigste neuronale Pfad des Parasympathischen Nervensystems (PNS). Er tritt aus dem Hirnstamm aus und verzweigt sich („schweift“) durch einen großen Teil unseres Körpers. Diese neuronalen Pfade teilen sich in zwei verschiedene Fasergruppen auf, die jeweils in eine andere Richtung arbeiten: Einmal sensorisch von den inneren Organen zu unserem Gehirn (Anteil ca. 80% aller Informationen), zum anderen motorisch vom Gehirn zu unseren Organen (Anteil ca. 20% aller Informationen). „Und bei den motorischen Vagusfasern lassen sich zwei Arten unterscheiden, nämlich die des alten (Anmerk.: dorsalen) Vagus, die keine Myelinschicht aufweisen und hauptsächlich in den Bereich unterhalb des Zwerchfells verlaufen, und die zum Herzen führenden (Anmerk.: ventralen), die eine Myelinschicht haben. Es gibt also zwei Arten motorischer und eine Art sensorischer Vagusfasern, wobei die sensorischen in allen Bereichen im Körperinneren zu finden sind.“ (Porges 2017, S. 76)

Die motorischen Impulse können situationsbedingt innerhalb von Sekunden erfolgen und zum Beispiel das Herz schneller schlagen lassen oder bei einem Schock unsere Mimik verändern.

Im entspannten Zustand wirkt der ventrale Vagus auf den Sinusknoten, den Schrittmacher des Herzens, wie eine Bremse. Bei Anspannung löst sich diese Bremse und das Herz schlägt schneller. Weiterhin steht dieser Teil des Vagus mit Gehirnarealen in Verbindung, welche die Gesichtsnerven und damit unsere Fähigkeit zu hören, zu sprechen und uns mimisch zu äußern vermitteln.

Der neue Vagus ist nur bei Säugetieren (daher auch beim Menschen) vorhanden und steuert unser soziales Engagement und die optimale Nutzung unserer Ressourcen.

„Die Polyvagal-Theorie (…) verweist ausdrücklich darauf, dass unser Nervensystem über mehrere Defensivstrategien verfügt und dass die Entscheidung darüber, ob wir in einer Situation eine mobilisierende Kampf-/Flucht-Strategie oder die Strategie des Erstarrens (der Immobilisierung) nutzen, nicht unserem Willen unterliegt. (…)

Um ein Trauma erfolgreich behandeln zu können, müssen wir diese Reaktion, nicht das traumatische Ereignis als solches, verstehen.“ (Porges 2017, S. 31)

Neurozeption

Damit bezeichnet Steven Porges „den Mechanismus, der die neuronalen Schaltkreise aktiviert, die das ANS regulieren (…) Anders als die Perzeption erfordert die Neurozeption kein Gewahrsein dessen, was vor sich geht.“ (Porges 2017, S. 40)

Es handelt sich bei der Neurozeption also um eine unbewusste neurologische Erfassung, die unsere Umgebung auf Anzeichen von Gefahren überprüft.

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Literatur:

Porges, Steven W. (2017). Die Polyvagal-Theorie und die Suche nach Sicherheit. Lichtenau/Westf.: G. P Probst.

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